Planter l’avenir in Mballam
Von ersten Feldern zu mehr wirtschaftlicher Eigenständigkeit
Mballam war 2022 der Ausgangspunkt von «Planter l’avenir». Gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft wurde Landwirtschaft als ein Weg entwickelt, Ernährung und Einkommen zu verbessern und die Abhängigkeit von benachbarten Bantu zu verringern. Seither ist daraus ein Lernprozess mit konkreten Ergebnissen und wichtigen Erkenntnissen für die weitere Arbeit geworden.
CHF 300ʼ000
Projektbudget
4 Jahre
Projektlaufzeit
Mballam
Projektort
Ausgangslage
In Mballam leben rund 400 Baka aus sechs Clans. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind stark begrenzt. Viele Familien leben von Jagd, Sammeln, Fischen und schlecht bezahlter Tagelohnarbeit bei benachbarten Bantu.
Die Ernährung ist unsicher, Einkommen sind gering und Rücklagen fehlen. Wer für andere arbeitet, verdient oft nur 500 bis 1’000 XAF pro Tag, rund 70 bis 140 Rappen, und bleibt damit in einem Abhängigkeitsverhältnis.
Die zentrale Frage war deshalb von Anfang an: Wie können die Familien eigene Lebensgrundlagen aufbauen und mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit gewinnen?
Mballam
Was aufgebaut wurde
Seit 2022 haben Familien aus allen sechs Clans in Mballam eigene Felder angelegt. Angebaut werden unter anderem Kochbananen, Maniok, Yams, Erdnüsse, Kakao, Fruchtbäume und Ölpalmen. Einjährige Kulturen sichern rasch Nahrung, mehrjährige Kulturen schaffen eine längerfristige Grundlage für Einkommen und Versorgung.
Baka Libuna stellt Werkzeuge und Pflanzmaterial für den Start bereit. Zwei Techniker begleiten die Familien beim Anlegen und Pflegen der Felder. Dabei bauten die Familien schrittweise praktisches landwirtschaftliches Wissen auf, etwa zu Pflanzabständen und Pflanztiefen, zu Mischkulturen, zur Kombination von schattenspendenden und schattenliebenden Pflanzen sowie dazu, welche Pflanzen sinnvoll kombiniert und zu welchem Zeitpunkt gesetzt werden. Einzelne Produzenten aus Mballam werden inzwischen auch in Nachbardörfern wegen ihrer landwirtschaftlichen Erfahrung beigezogen.
Auch Tierhaltung beginnt eine grössere Rolle zu spielen. Heute werden in Mballam Schweine und Hühner gehalten. Eine kleine Schafherde befindet sich im Aufbau. Für viele Familien ist das neu, da die Haltung und Pflege von Nutztieren bisher kaum Teil ihrer Lebensweise war.
Zur landwirtschaftlichen Produktion kamen eine Pflanzschule, ein Lagerhaus und erste gemeinsame Organisationsstrukturen hinzu. Gleichzeitig entstand Zusammenarbeit über Clangrenzen hinweg in Bereichen, die früher vor allem innerhalb des eigenen Clans organisiert wurden.
Was sich verändert hat
Die beteiligten Familien produzieren heute einen grösseren Teil ihrer Nahrung selbst und erzielen Einkommen aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Das hat ihre Verhandlungsposition verändert. Die Tagelöhne bei benachbarten Bantu haben sich von rund 500 auf 1’000 XAF pro Tag verdoppelt, also von rund 70 auf 140 Rappen. Auch 1’000 XAF sind noch sehr wenig, doch die Entwicklung zeigt, dass die Familien ihre Arbeitskraft heute selbstbewusster anbieten und schlechtere Bedingungen eher ablehnen.
Auch im Dorf ist die gestiegene Kaufkraft sichtbar. Fliegende Händler, die Mballam früher oft einfach passierten, halten heute an, weil es Kundschaft gibt. Gleichzeitig sind kleine Verkaufsstände entstanden, an denen vor allem Frauen Teigbällchen (Beignets) und andere Esswaren verkaufen. Solche Aktivitäten gab es früher kaum.
Die Veränderungen zeigen sich auch im Alltag. Kleidung, kleinere Anschaffungen und neue Hausbauten machen sichtbar, dass mehr Geld im Dorf zirkuliert und der wirtschaftliche Handlungsspielraum gewachsen ist.
Auch bei der Gesundheit gibt es positive Beobachtungen. Die Familien berichten, dass Nahrungsmittel heute über das ganze Jahr verfügbar sind, während es früher saisonale Engpässe gab. Gleichzeitig scheint die Säuglingssterblichkeit zurückgegangen zu sein. Ein direkter Zusammenhang lässt sich daraus nicht ableiten.
Andere Baka-Gemeinschaften beobachten die Entwicklung in Mballam und wollen ebenfalls mit Baka Libuna zusammenarbeiten. Der sichtbare Erfolg in Mballam weckt damit auch ausserhalb des Dorfes Nachfrage nach dem Projekt.
Der Umgang mit Geld bleibt eine Herausforderung. Einkommen wird oft rasch ausgegeben. Sparen, Planen und gemeinsames Wirtschaften müssen weiter gelernt werden. Hier soll die Kooperative eine wichtige Rolle übernehmen.
Was wir gelernt haben
Eine der ersten Überraschungen war, wie wenig landwirtschaftliches Wissen tatsächlich vorhanden war. Viele Beteiligte hatten jahrelang auf den Feldern benachbarter Bauern gearbeitet und gingen deshalb selbst davon aus, Landwirtschaft zu kennen. Sie wussten, wie einzelne Arbeiten ausgeführt werden, nicht aber, wie man ein eigenes Feld plant, anlegt und langfristig bewirtschaftet.
Auch der Umgang mit Flächen, Mengen und Geld erwies sich als wichtiges Lernfeld. Hektaren, Pflanzzahlen, Kosten und Erträge sind abstrakte Grössen, die in der traditionellen Lebensweise kaum eine Rolle spielten. Entsprechend unrealistisch waren zu Beginn manche Vorstellungen darüber, welche Flächen bewirtschaftet oder wie viele Pflanzen gesetzt werden könnten.
Landwirtschaft verlangt zudem einen anderen Umgang mit Zeit. Jagd und Sammeln bringen meist einen unmittelbaren Ertrag, während sich die Arbeit auf einem Feld oft erst Monate oder Jahre später auszahlt. Bereits investierte Arbeitszeit wird deshalb nicht zwingend als Grund verstanden, ein Feld weiterzuführen. Hinzu kommt, dass der landwirtschaftliche Kalender nicht immer mit dem Jagd- und Sammelkalender übereinstimmt. Längere Aufenthalte im Wald können wichtige Arbeiten auf den Feldern unterbrechen.
Wir mussten auch besser verstehen lernen, was Zustimmung hier bedeutet. Ein «Ja» bedeutet in der Kommunikation mit Aussenstehenden nicht immer dieselbe Verbindlichkeit, die wir ihm zuschreiben. Davon getrennt ist die Motivation. Manche machten zu Beginn mit, weil Projekte erfahrungsgemäss Vorteile bringen können. Andere merkten erst während der Arbeit, wie anspruchsvoll Landwirtschaft ist und dass dieser Weg nicht zu ihnen passt.
Die Zusammenarbeit über Clangrenzen hinweg war ebenfalls ein Lernprozess. Gemeinsame Planung und wirtschaftliche Organisation mussten zuerst wachsen.
Was wir daraus verändert haben
Wir planen heute mit realistischeren Flächen und Pflanzzahlen. Die beteiligten Familien können Grössen und Arbeitsaufwand inzwischen deutlich besser einschätzen als zu Beginn.
Weil landwirtschaftliches Wissen nicht vorausgesetzt werden konnte, beschäftigt Baka Libuna Techniker, die praktisch anleiten und darauf achten, Verantwortung bei den Familien zu belassen. Ihr Ziel ist, Wissen weiterzugeben, damit die Felder selbständig bewirtschaftet werden können.
Bei der Auswahl der Beteiligten zählt heute stärker das tatsächliche Engagement über längere Zeit. Eine anfängliche Zusage allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, wer bereit ist, Arbeit und Verantwortung dauerhaft zu übernehmen.
Auch der Umgang mit Geld bleibt ein Lernfeld. Die Kooperative soll Einkauf und Verkauf organisieren und zugleich praktische Erfahrungen mit Preisen, Einnahmen, Ausgaben und gemeinsamen wirtschaftlichen Entscheidungen ermöglichen.
Bei der Planung berücksichtigen wir den Jagd- und Sammelkalender und die Möglichkeit längerer Abwesenheiten. Gleichzeitig machen die Erfahrungen auf den eigenen Feldern die wirtschaftlichen Konsequenzen verschiedener Entscheidungen sichtbar. Ob jemand mehr Zeit in Landwirtschaft oder in Jagd und Sammeln investiert, bleibt eine eigene Entscheidung.
Wir haben zudem gelernt, Verhalten nicht vorschnell nach unserer eigenen Logik zu beurteilen. Entscheidungen, die aus monetärer oder betriebswirtschaftlicher Sicht unverständlich wirken, können einer anderen Prioritätenordnung folgen. Für die Zusammenarbeit ist entscheidend, diese Logik zu verstehen und trotzdem gemeinsam verlässliche Formen der Planung zu entwickeln.
Wie es weitergeht
In Mballam liegt der Schwerpunkt heute auf der Konsolidierung. Bestehende Felder sollen gepflegt, Erträge gesichert und Verantwortung schrittweise stärker von den Familien und der Kooperative übernommen werden.
Gleichzeitig haben weitere Baka-Gemeinschaften von sich aus den Wunsch geäussert, «Planter l’avenir» auch in ihren Dörfern umzusetzen. Baka Libuna hat mögliche neue Standorte bereits geprüft und eine Vorauswahl getroffen.
Die Erfahrungen aus Mballam helfen, in neuen Dörfern realistischer zu planen und von Beginn an stärker auf Motivation, vorhandene Ressourcen, landwirtschaftliches Wissen, Geldmanagement und Selbstorganisation zu achten. Die Ausweitung ist vorbereitet. Entscheidend ist nun die Finanzierung.
Wirkungskette
Die Baka von Mballam haben als wichtigstes Ziel formuliert, nicht länger von den Bantu-Bauern abhängig zu sein. Sie wollen sich aus ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und der Schuldenspirale befreien und als gleichwertige Menschen behandelt werden.
«Planter l’avenir» setzt bei den wirtschaftlichen Grundlagen dieser Abhängigkeit an. Die Familien betreiben eigene Landwirtschaft. Die Produktion sichert die Ernährung, und der Verkauf landwirtschaftlicher Produkte schafft Einkommen.
Damit entsteht wirtschaftlicher Handlungsspielraum. Taglohnarbeit ist nicht mehr die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Gesundheit, Bildung und Wohnen können finanziert werden. Gleichzeitig verändert sich das Auftreten gegenüber Händlern, benachbarten Bantu und Behörden.
Wirtschaftliche Eigenständigkeit verändert damit auch die soziale Stellung. Die Baka treten selbstbewusster auf und können ihr Leben stärker nach eigenen Prioritäten gestalten.
Diese Wirkungslogik bildet auch die Grundlage für die Ausweitung auf weitere Baka-Gemeinschaften.
Projektsteuerung, Controlling und Lernen
Die Projektsteuerung verbindet die Arbeit in den Projektgemeinden mit der Koordination und Finanzkontrolle in Yaoundé und der Gesamtverantwortung von Baka Libuna Schweiz.
Vor Ort begleiten landwirtschaftliche Techniker die Produzentinnen und Produzenten auf ihren Feldern. Sie vermitteln praktisches Wissen, unterstützen bei Problemen und dokumentieren Stand und Entwicklung der Bewirtschaftung.
Das Büro in Yaoundé koordiniert die Arbeit vor Ort und bildet die operative Verbindung zur Schweiz. Dort werden die Sachinformationen zusammengeführt, Ausgaben und Belege geprüft sowie die regelmässigen Sach- und Finanzberichte erstellt. Probleme, Abweichungen und zusätzlicher Mittelbedarf werden mit Baka Libuna Schweiz geklärt.
Baka Libuna Schweiz trägt die Gesamtverantwortung und ist eng in die operative Steuerung eingebunden. Der Vorstand prüft Sach- und Finanzberichte, kontrolliert Budget und Mittelverwendung und entscheidet über Freigaben und notwendige Anpassungen.
Monitoring und Lernen
Die Projektentwicklung wird mit quantitativen und qualitativen Indikatoren verfolgt. Diese richten sich nach den gemeinsam festgelegten Zielen und der jeweiligen Projektphase. Beim Aufbau in neuen Dörfern stehen andere Veränderungen im Vordergrund als bei der Konsolidierung in Mballam.
Monitoring sowie Sach- und Finanzreporting bilden die Grundlage des Controllings. Fortschritte und Abweichungen bei Umsetzung, Ergebnissen und Finanzen werden regelmässig analysiert. Daraus werden die nächsten Schritte abgeleitet.
In Workshops mit den Beteiligten werden die Erfahrungen aus der Umsetzung gemeinsam ausgewertet. Dabei wird auch geprüft, ob Ziele und Indikatoren weiterhin die entscheidenden Veränderungen erfassen. Die Erkenntnisse fliessen in die weitere Planung ein und ermöglichen Anpassungen im Sinne des PDIA-Ansatzes.
